Home » Aktuelles » 1989: Übersiedler aus der DDR treffen in Sasbach ein (ABB November 2009)

Übersiedler aus der DDR treffen in Sasbach ein

Fotos: sp

Am 13. September 1989
Übersiedler aus der DDR treffen in Sasbach ein
„Irgendwie ist das alles gar nicht wahr”.


Sasbach(sp). „Mama, rate mal wo ich bin?”. Aus einer Telefonzelle nahe dem Seminar Sankt Pirmin richtete am Abend des 13. September 1989 ein junger Mann aus der ehemaligen DDR diese Frage an seine Mama und wenig später löste er fröhlich lachend das Geheimnis auf: „Ich bin im Schwarzwald”. Gegen 19 Uhr war der junge Mann mit 48 weiteren Übersiedlern in Sasbach eingetroffen, um 7 Uhr war die Abfahrt in Ungarn und über Passau ging es am gleichen Tag in Richtung Sankt Pirmin. „Überglückliche wenn auch erschöpfte Menschen aus der DDR trafen in Seminar ein, wo ihnen die Hausgemeinschaft um Rektor Georg Lämmle einen herzlichen Empfang bereitete”, war am 15. September 1989 im ABB zu lesen. Bei den Übersiedlern handelte es sich überwiegend um junge Familien und  zwölf Kinder, die von einer „Welle der Sympathie und Herzlichkeit” empfangen wurden und einen guten Start für ihre neue Zukunft bekamen. Denn bereits am 19. September 1989 meldete der ABB, dass 120 Stellen- und Wohnungsangeboten im Seminar eingingen und viele Menschen mit persönlicher und materieller Unterstützung halfen. Die Erzdiözese Freiburg tat dies, indem sie 650 Plätze zur Verfügung stellte, davon 50 in Sankt Pirmin. Hier gab es am ersten Abend eine herzliche Begegnung, die viele der neuen Bewohner so nicht erwartet hatten. Dass sie zu einer kirchlichen Einrichtung reisten, erfuhren sie im Bus und so mancher befürchtete, bei „Mönchen” zu landen. Doch das gemütliche Beisammensein, das gute Essen und die Musik der Hausband sorgten für Aufklärung.  

„Irgendwie ist das alles gar nicht wahr, dass ich es geschafft habe”. So ein Vierundzwanzigjähriger, der über Ungarn ausreiste und seiner Familie nach Wochen ein erstes Lebenszeichen sandte. Ein anderer „strandete” nach einer abenteuerlichste Odyssee in Sasbach. Nach einem missglückten Fluchtversuch mit dem Segelboot von Polen aus über die Ostsee in Richtung Skandinavien, beantragte er ein Visum für Rumänien, erhielt aber eine Absage. Daraufhin reiste er in die Tschechoslowakei, von wo aus er die Donau und somit die Grenze nach Ungarn illegal überquerte. An sein Fahrrad hatte er einige Autoreifen gebunden und mit diesem waghalsigen „Gefährt" gelang ihm „mit der Angst im Nacken” die lebensgefährliche Flucht. Sein Wunsch, die DDR zu verlassen, stand ebenso unverrückbar fest wie der aller anderen Übersiedler. Das Gefühl, „unschuldig eingesperrt" zu sein und der unbändige Wunsch nach Freiheit war für alle die treibende Kraft für ihre Entscheidung. Die tägliche Bevormundung und das willkürliche Ausgeliefertsein an Parteileute, „die man nicht gewählt hat", war ebenso maßgebend für die Flucht wie die Erfahrung, dass ein Leben in freier Selbstverwirklichung und Selbstverantwortung nicht möglich sei.

„Bei den Übersiedlern und vorübergehenden Hausbewohnern im Seminar Sankt Pirmin kehrte nach ihrer abenteuerlichen Flucht und dem Empfang im Land der Freiheit, nach erledigtem Papierkrieg und zahlreichen spontanen Hilfen aus der Bevölkerung doch eine gewisse ernüchternde Alltagswirklichkeit ein”, schrieb damals der ABB. Denn nach den ersten Aha-Erlebnissen im „Wunderland" Bundesrepublik galt es für die überwiegend jungen Menschen und die zwölf Kinder im Alter zwischen vier und dreizehn Jahren eigenen Boden unter die Füße zu bekommen und Ausschau nach Wohnung, Beruf und Wohnort zu halten. Hierbei konnten die ehemaligen DDR-Bürger die Hilfsbereitschaft vieler Menschen erfahren, wie allein die über 120 Stellenangebote, Wohnungsofferten und die Kleider- und Sachspenden bewiesen. Mit der Zeit wurde aber auch deutlich, dass so mancher seine Kinder, seine Eltern oder seinen Partner in der DDR zurück ließ und spontan und auf eigene Faust in die Freiheit flüchtete. So wurde befürchtet, dass der Druck auf die Zurückgebliebenen noch schlimmer werde und sich in der DDR vorerst nichts ändere. „Bei uns ist kein DDR-Gorbi in Sicht”, meinte ein junger Mann in Anspielung auf den russischen Präsidenten Gorbatschow, der bei den Feiern zum 40-jährigen Jubiläum der DDR den legendären Satz sprach: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben”.