Gedenken an der Heimschule Lender
Schockiert über das „Kind im Koffer”
Bewegende Texte und Musik zu „Endstation Koffer”
Sasbach(sp). „Als Menschen sich in Rauch verwandelten, blieben ihre Koffer übrig”. Übrig blieben auch ihre Texte und Musik, betonte Doris Uhlig, bei einem literarisch-musikalischen Abend anlässlich des Holocaust-Gedenktages im Kulturhaus der Heimschule Lender. „Helfen sie mit, die Heiligkeit des Lebens und Unverletzlichkeit des menschlichen Antlitzes zu bewahren”. So die Einladung der Religionslehrerin Doris Uhlig, die mit Bärbel Anstett und Annette Preuß sowie den Schüler der 10. Klassen evangelische Religion und des Musikzuges Klasse 11 das Gedenken unter dem Thema „Endstation: Koffer” gestalteten. Die Besucher waren zu einer Spende für die Erdbebenopfer in Haiti eingeladen.
Ein Berg von Koffern lag auf der Bühne des Kulturhauses und erinnerte eindringlich an die „Endstation” von Millionen Menschen, die in Ghettos und Vernichtungslager deportiert, grausam geschunden und ermordet wurden. Von manchen sind Musik und Texte überliefert, die sie in Kellern und Koffern versteckten und die heute „sprechende” Zeugen des Holocaust sind. Das unendlich große Leid der Menschen wurde in den Stimmen und in der Musik der Schüler lebendig, vor allem das Entsetzen darüber, welche Abscheulichkeiten Menschen anderen Menschen zufügen können. In der Auseinandersetzung der Schüler mit diesem leidvollen Kapitel der deutschen Geschichte wurde spürbar, dass sich eine solche „Endstation” nie mehr wiederholen darf und jeder einzelne sich dafür einsetzen muss.
„Was der Alte wohl in seinem Koffer versteckt hat, bestimmt Juwelen”. Schüler spielten die Szene, als drei Männer von der Kleiderkammer im KZ Buchenwald über den Inhalt eines Koffers spekulieren und diesen öffnen. Das Entsetze ist groß, als sie darin ein kleines Kind entdecken, dieses versteckten und vor dem Tod bewahren. Mit dem „Kind aus dem Koffer” erinnerten die Schüler an die wahre Geschichte des Krakauer Rechtsanwaltes Zacharias Zweig, der am 5. August 1944 mit seiner Familie und dem dreijährigen Sohn Jerzy Zweig nach Buchenwald deportiert wurde. Das Kind erhielt die Häftlingsnummer 67509, seine Personalkarte vermerkt blondes Haar, eine Größe von 97 Zentimeter und den Grund für die Inhaftierung: „Polit Pole Jude”. Das Kind hatte bereits das Krakauer Ghetto, die Lager Biezanow, Plaszow und Skarzysko-Kamienna und den Transport im Viehwaggon nach Buchenwald durchgemacht, mit Hilfe von Inhaftierten überlebte es mit dem Vater auch das letzte Konzentrationslager. Unter den über sechs Millionen jüdischen Opfern des Holocaust waren 1,5 Millionen Kinder, die ermordet und all ihre Träume und Hoffnungen beraubt wurden. „Ich bin ein kleiner Koffer aus Frankfurt am Main, und ich suche meinen Herrn, wo mag er nur sein”. So ein Text von Ilse Weber, die in Theresienstadt inhaftiert war und von der über 50 Gedichte erhalten blieben, wie: „Ich wandere durch Theresienstadt, das Herz so schwer wie Blei, bis jäh mein Weg ein Ende hat, dort hart an der Bastei”. Sprachlos machten der Text über die „voll gefressenen Viehwaggons” oder der Theresienstädter Kinderreim: „Rirarutsch, wir fahren in der Leichenkutsch”...hätt sie geladen unser Leid, wir kämen nicht drei Schritte weit, rirarutsch”.
Als „Kulturghetto” sollte Theresienstadt nach außen den Schein erwecken, auch ein Ort der Kunst, des Theaters, der Musik, und der Bildung zu sein. Unter den Musikern und Komponisten war Gideon Klein, der zu einem der bedeutendsten Komponisten der Neuzeit hätte werden können. Er musste sterben, doch seine Musik wie das dargebotene Streichertrio oder die „Fantasie” leben ebenso, wie das von Vanessa Skudlik gesungene Jiddische Lied aus dem Ghetto Wilna: „Unter Deinen weißen Sternen, gib mir Deine weise Hand, meine Worte sie sind Tränen, nimm sie auf in Deine Hand”.