Theater an der Heimschule Lender
Westerwelle ist kein Haarwuchsmittel
Politisches Kabarett zum Grundgesetz
Sasbach(sp). Wenn Westerwelle für ein Haarwuchsmittel und der Bundespräsident für einen Fußballtrainer gehalten werden, ist die politische Bildung am Boden und Aufklärung dringend erforderlich. Nur gut, das Claudia Brasse und Jens Spörckmann vom Neuen Tendenz Theater aus Köln die Heimschule Lender besuchten, um auf Initiative der Fachschaft Geschichte/Politik und in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung eine etwas andere Politikstunde in der Aula zu präsentieren. „Du bis das Volk” lautete der der Titel des Jugendtheaterstücks über das Grundgesetz und die Demokratie, das 2005 mit dem 1. Preis beim Jugendtheaterfestival TheaTrend ausgezeichnet wurde. Dass das in diesem Jahr 60 Jahre alte Grundgesetz als Bravo-Foto-Lovestory oder die die Bundestagswahl als Casting-Show präsentiert wurde, belegte, dass es um eine andere Form von Lernen und einen lockeren und humorvollen Zugang zu Politik und Demokratie ging. Dies bedeutete aber keineswegs, dass es bei dem politischen Kabarett zwischen dem Flirt mit dem Grundgesetz und dem Kanzler-Casting keine sachlich qualifizierten Aussagen über den Geist des Grundgesetzes und das Wesen der freiheitlichen Demokratie im Land gab.
„Die Pisa-Studie hat festgestellt, die politische Bildung liegt am Boden”. So Claudia Brasse nach der Begrüßung durch Fachleiter Emil Spath und Thomas Wolf von der Konrad-Adenauer-Stiftung, als das Neue Tendenz Theater gleich das mangelhafte politische Wissen und die allgemeine Politikverdrossenheit ins Visier nahm. Wenn die „Väter des Grundgesetzes” für die „Siedler von Catan” gehalten werden, dann ist Handlungsbedarf angesagt. Erste Hilfen kamen aus dem „Himmel”, als Claudia Brasse und Jens Spörckmann in die Rollen von Konrad Adenauer und Carlo Schmid schlüpften und mit den beiden „Gründervätern erst einmal den Unterschied zwischen Grundgesetz und Verfassung erklärten. Dabei zeigten die professionhellen Schauspieler politisches Kabarett der besten Art und Theater als der rundum gelungene Versuch, die Lust für einen Blick in das Grundgesetz zu werfen und sich näher mit so zentralen und jeden einzelnen betreffenden Aussagen wie „Die Würde des Menschen ist unantastbar” und die ganze Palette der freiheitlichen Rechte zu befassen. Dass es dabei geradezu zu einem „Flirt mit dem Grundgesetz” kommen kann, sorgte „beim Volk” in der Lenderaula für freudige Zustimmung. Schnell wechselten die Szenen, Witz und Komik sprühten von der Bühne und es war einfach nur köstlich, wie trockene Paragraphen zu leben begannen und die Wahrnehmung demokratischer Rechte wie bei einem Urnengang geradezu zu einem „erotischen Wahlerlebnis” wurden. Zwischen Love-Storys und Piep-Show streuten die Akteure „rein zufällig” Gesetzesartikel und Fachbegriffe wie Petitionsrecht, Volksentscheid oder Versammlungsfreiheit in das zum Teil improvisierte Spiel ein. „Alle Staatsgewalt geht vom Volk aus, auch von dir Anika”, meinte Jens Spörckmann zu einer Schülerin, bevor er vom „Volk” einen Anfang- und Schlusssatz für eine Szene erbat. Denn es sollte um den Unterschied zwischen direkter und repräsentativer Demokratie gehen. Die schwierige Kost wurde dadurch gewürzt, dass sich die „Bürger” in der Aula auf die Sätze „Ich bin ein Rentier” und „Hau rein” sowie die Szenarium Horror und Sience Fiction einigten. „Das war super demokratisch, ihr habt bestimmt und wir haben es gemacht”. So das dicke Lob der Schauspieler, die sich allerdings zuvor ein Riesenkompliment für ihr demokratisches Improvisationstheater zwischen Horror-Show und Angriffen von Außerirdischen verdienten. Die Politikstunde erhielt die Note „1”, die Schüle waren von dieser Unterrichtsform hellauf begeistert und die Botschaft kam bestens an: „Du bist das Volk”.