Sasbach(sp). „Man muss das Böse stoppen, bevor es zu wachsen beginnt”. Die Antwort der Überlebenden des Holocaust Menachem (Heinz) Mayer und Fred Raymes (Manfred Mayer) war kurz und prägnant, nachdem ein Lenderschüler von den aus Hoffenheim deportierten Brüdern deren „Botschaft an die jungen Menschen” wissen wollte. „Die heutige Generation hat keine Schuld, aber sie hat Verantwortung, sich für eine bessere Welt einzusetzen”, so Menachem Mayer. Er verdeutlichte ebenso wie sein Bruder, wie wichtig neben der Übernahme von Verantwortung gegen das Böse die Erinnerung an eine Zeit sei, in der unfassbare Grausamkeiten geschahen und Millionen jüdischer Menschen ermordet wurden.
„Im Haus von ´Sehen, was war`. Jetzt haben Sie gesehen, was ist und wir sind immer noch hier”. Dies schrieb Fred Raymes in Anspielung auf das Lenderprojekt „Sehen, was war” in das „Goldene Buch der Heimschule, deren Schulleiter Lutz Großmann und Petra Dollhofer sich sehr dankbar über die Begegnung mit den Zeitzeugen aus Israel und den USA zeigten. Beide sind deshalb in Deutschland, um daran zu erinnern, als vor 70 Jahren das Land Baden für „judenfrei” erklärt und wie Tausende badischer Juden auch die Familie des Synagogendieners Karl Mayer und Mathilde Mayer am 22. Oktober 1940 nach Gurs in Südfrankreich deportiert wurde. Bereits 1938 wurde die Synagoge von Hoffenheim in der „Reichskristallnacht” zerstört, die Thorarollen zerrissen und alles kurz und klein geschlagen. Während die Eltern in Auschwitz getötet wurden, entkamen 48 Kinder dem Sterben, weil die Eltern bereit waren, sie Hilfsorganisationen anzuvertrauen. Darunter waren Heinz und Manfred Mayer, die bei der Trennung von den Eltern acht und elf Jahre alt waren, nach dem Krieg in Israel und den USA verschiedene Wege gingen und sich 30 Jahre nicht wieder sahen. Dass ihre Geschichte in Deutschland öffentlich wurde und eine einmalige Wirkungsgeschichte über das mit dem „Viktor Klemperer Preis” ausgezeichnete Projekt „Sehen, was war - die Geschichte zweier jüdischer Brüder” der Heimschule Lender bis zu deren Partnerschaft mit einem Gymnasium in Jerusalem nahm, ist mit ein wesentliches Verdienst von Doris und Matthias Uhlig. Das Ehepaar lebte von 1983 bis 1995 in Hoffenheim, Matthias Uhlig war dort Pfarrer und befasste sich mit dem dunkles Kapitel in der Hoffenheimer Geschichte, in der der Name Emil Hopp, Vater des TSG Hoffenheim-Mäzens Dietmar Hopp (SAP-Gründer) und seiner Geschwister, erscheint. Der Lehrer Emil Hopp war auch SA-Truppführer, der am 9. November 1938 mit anderen SA-Männern zur Synagoge marschierte und diese zerstörte. Es kam zur Versöhnung zwischen den Familien Hopp und Mayer und Familie Hopp unterstützte die Herausgabe des Buches, die israelischen Regisseurinnen Ofra Tevet und Ronit Kerstner drehten einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Menachem & Fred”, der bei der Berlinale 2009 einen reis erhielt.
Die Tränen standen Menachem Mayer, Fred Raymes und deren Partnerinnen Nili Ronen und Lydia Raymes in den Augen, als Musikerinnen der Oberstufe Klezmer-Stücke spielten und der junge Lenderschüler Jakob Häuser (Leitung Ulrich Noss) in der Heimkirche das jüdische Volkslied „Dort, wo die Zeder schlank die Wolke küsst” sang. Es war jenes Lied, das die Mutter einst den Buben Menachem und Fred vorsang und das ihnen noch heute in den Ohren und den Herzen klingt. Die Umarmungen mit Jakob Häuser und die Begegnungen vor allem mit jenen Schülern und Lehrern waren überaus herzlich, die schon in Israel waren, an dem so wichtigen Erinnern mitarbeiten und Verantwortung für die Menschlichkeit übernehmen. „In Zukunft seid ihr die Zeugen und ihr müsst aufstehen, wenn Menschen angegriffen und verletzt werden”, meinte Doris Uhlig zu den Zehnklässlern in der Heimkirche. „Ich hatte bis in die 70er Jahre meine ganze Vergangenheit verdrängt und vergessen”, meinte Menachem Mayer nach der Frage eines Schülers, woher man nach so viel schrecklichem Leid die Kraft zu einem neuen Leben nehme. „Die deutsche Heimat hatte uns raus geschmissen und uns ermordet”. Aber dass es Menschen gebe, die sich erinnern und eine bessere Welt schaffen wollen, machte das Leben wieder lebenswert, so Menachem Mayer. „Ich habe keinen Hass, aber ich musste neu lernen, das Leben zu lieben”, meinte Fred Raymes, der sichtlich bewegt von der geplanten NPD-Demonstration im September 2010 in Hoffenheim und vom gelungenen Protest vieler dagegen berichtete.