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Gedenken an Reichskristallnacht

Fotos: sp

Die Welt lag in Scherben –
Bewegende Auseinandersetzung mit der „Kristallnacht”

 
Sasbach(sp). „Wollen Sie das Silberbesteck haben? Wird man die ungute Vergangenheit denn nie los”. Aus dem „Scherbenhaufen” der Reichskristallnacht und dem Holocaust griff eine Lenderschülerin nach dem Silberbesteck einer jüdischen Familie und ging fragend damit durch die Reihen der Besucher im „Kulturhaus Lender” in Sasbach. „Wollen Sie es haben? Ich bin froh, wenn ich es los bin”. Niemand wollte das Silberbesteck aus jener Zeit haben, als die Welt in Scherben lag und Bücher, Persönliches, Heiliges und Künstlerisches den lodernden Flammen einer menschenverachtenden und mörderischen Ideologie übergeben wurde.  

„Soll ich meines Bruders Hüter sein?”. Mit dieser Frage befassten sich Schüler der 10. Klasse evangelische Religion (Doris Uhlig) und weiteren Klassen (Annette Preuß), die mit dem Musik-Kurs 12 (Dagmar Brenner) mit Texten, Szenen und Musik an die Reichskristallnacht von 1938 und damit an den Beginn der „Endlösung der Judenfrage” erinnerten. „Wir wollen die zu Wort kommen lassen, die damals Kinder waren und stumm daneben standen”, so Doris Uhlig. „Zurück blieb ein großer Scherbenhaufen und die Menschen sind nie wieder heil geworden”. Diese unheilvolle Erfahrung wurde in den „Stimmen” der Menschen von damals in solch ergreifender Weise lebendig, dass bei den Zuschauern das Entsetzen und der Schrei über die menschliche Grausamkeit zu spüren war. Aber auch, welche Kraft gerade bei Jugendlichen in der Erinnerung und daraus folgernd in der persönlichen Bereitschaft liegt, dass sich eine solche „Welt in Flammen” nie mehr wiederholt und sich Menschen dafür einsetzen müssen.

„Freie Hand für SS-Schläger und Bühne frei für große antisemitische Nadelstiche”. Mit dieser Aussage der Schüler und dem Hinweis auf den Boykott jüdischer Geschäfte und der Verbannung aus Kultur und Wissenschaft begann der „Weg zur Kristallnacht”. Mit dem zunehmenden „Schutz deutschen Blutes und Ehre” und der gleichzeitigen Entrechtung der jüdischen Bürger geriet die Welt radikal aus den Fugen und der „Zivilisationsbruch” führte zum Fanal. „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen”, schrieb Heinrich Heine 1820 und diese grausame Prophezeiung sollte sich erfüllen. Während die Feuer loderten und Gedanken verbrannten, riefen 1933 Studenten „Feuersprüche gegen den undeutschen Geist”: „Für Zucht und Sitte in Familie und Staat, ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann und Erich Kästner”. Den Zuschauern schoss es förmlich ins Herz, als die Lenderschüler nach den „Feuersprüchen” symbolisch Bücher, Persönliches und Geschäftliches „ins Feuer” warfen und auf dem Boden des Kulturhauses die Scherben klirrten. Auch vor den heiligen Rollen der Thora machten die Schergen nicht Halt, doch die Botschaft eines in Thorarollen gewickelten und von den Römern im 2. Jahrhundert verbrannten Rabbi bleibt: „Brennendes Pergament, aber die Buchstaben fliegen empor”. Zu den Zeugnissen von Überlebenden des Holocaust wie Menachem Mayer (Hoffenheim) und Ehud Loeb (Bühl) erklangen „Musik aus den Ghettos”, Werke von Mendelssohn-Bartholdy und Weill, Klezmer-Musik sowie „Jiddische Lieder”, feinfühlig und schön gesungen von Christine Bürk, Judith Frietsch und Sophie-Louise Stengel. „Es brennt, Brider es brennt”, so eines der Lieder, doch die Aufforderung an die Menschen aller Zeiten bleibt: „Abel steh auf, damit es anders anfängt zwischen uns allen”.