Pädagogischer Tag entfacht Diskussion über gestiegene Belastungen im Berufsalltag und notwendige Ableitungen zum Wohle der Schule insgesamt
Sasbach(hl). Schulleiter Lutz Großmann ist sich sicher, dass die Optimierung des Arbeitsplatzes und der regelmäßige Austausch der Kolleginnen und Kollegen über die Erfahrungen, Erfolge und auch die Belastungen des Schulalltages zum einen die Berufszufriedenheit erhöhe und damit direkt auch den Schülerinnen und Schülern zu Gute komme. Gemeinsam mit dem Schulleitungsteam, der Schulpsychologin und der Mitarbeitervertretung organisierte der Schulleiter der Heimschule einen Pädagogischen Tag, an dem sich das Kollegium unter fachlicher Begleitung zweier Expertinnen der Baden-Badener Nexus-Klinik mit Fragen der Entschleunigung des Schulalltages auseinandersetzte. In offenen und engagiert geführten Diskussionen wurden Belastungsfaktoren des Schulalltages angesprochen und notwendige Ableitungen reflektiert.
Die Referentinnen, Dr. med. Astrid Klein und Dipl. Psychologin Christine Ait-Mokhtar, beklagten die häufig sehr eindimensionale Sicht auf den Lehrerberuf, der von außen betrachtet oft als ein sicherer und entspannter Job betrachtet werde. Doch wer aufmerksam die Debatte verfolge und eine Innensicht von Schule habe, der wisse, dass dieses Urteil dem Beruf in keiner Weise gerecht werde. Im Gegenteil, Belastungen nähmen zu, neue Verantwortungen würden auf die Schule und die Kollegien übertragen und der politische Reformeifer beschleunige zudem den Alltag. Beträte ein Lehrer die Schule, habe er bis zu deren Verlassen kaum die Chance, einen Ort zu finden, an dem er sich auch nur kurzzeitig wieder auf sich selbst besinnen und zur Ruhe finden könne. Sowohl im Klassenraum wie auch im Lehrerzimmer, auf dem Schulhof oder in den Gängen finde er sich häufig in aufgeregten und lauten Gruppensituationen wieder, in denen er in exponierter Position mit vielerlei Wünschen und Ansprüchen konfrontiert sei. In besonders hohem Ausmaß müssten Lehrer mit ständig unterschiedlichen Beziehungskonstellationen zurechtkommen und seien dabei permanent gefordert, auf Anliegen und Bedürfnisse der Schüler zu reagieren.
Als erste Ableitung aus den Diskussionen des Pädagogischen Tages wird nun das Schaffen von Ruhezonen im Schulgebäude ins Auge gefasst sowie das Bereitstellen einer „Lehrerwohnung“, in die sich die Kolleginnen und Kollegen zurückziehen können, um in vorhandenen Pausen konzentriert arbeiten oder Atem holen zu können. Zudem wird die Schulleitung dafür Sorge tragen, dass bereits vorhandene Supervisionsgruppen fortgesetzt werden können und durch neue Coaching-Gruppen Ergänzung finden. Nach Ansicht des Schulleiters müssten solche Angebote für die individuelle Reflexion des Berufsalltages und damit der Dialog über die eigene Lehrerrolle in verschiedenen Situationen mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit werden. Er hält es in seiner Gesamtverantwortung für die Schule für sehr bedeutsam, bei der notwendigen Reaktion auf verschiedene Veränderungsprozesse nicht diejenigen aus dem Blick zu verlieren, die sich täglich weit über den Unterricht hinaus mit all ihren Kräften für das Wohl der Schülerinnen und Schüler einzusetzen versuchten. Die Umsetzung politischer Schulreformen, der differenzierte Wandel in Elternhäusern und Familien, die sich rasant verändernden Einflussfaktoren, denen Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind – all dem müssen und wollen sich die Kolleginnen und Kollegen stellen. Dies, so Großmann weiter, koste viele Kraft und bedürfe nicht nur der Wertschätzung, sondern auch der Unterstützung durch flankierende Maßnahmen, damit die Lehrerinnen und Lehrer den Aufgaben gewachsen seien, ohne dass sich der eigene „berufliche Akku“ stetig weiter entleere. Aus eigenen Erfahrungen mit einer Supervisionsgruppe kann er berichten, in welcher Weise ein solcher regelmäßiger Dialog als Kraftquell wirken könne. Eigenes Handeln werde reflektiert, auch Grenzen ehrlich angesprochen und gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen Handlungsalternativen beleuchtet.
Der Pädagogische Tag fand eine Fortsetzung in einem öffentlichen Vortragsabend in der Aula der Heimschule. „Lehrer kommen dann in unsere Klinik, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist“, so Prof. Dr. Friedhelm Lamprecht, Chefarzt der Nexus-Klinik. „Wünschenswert ist jedoch eine geeignete Prophylaxe, damit Lehrer gesund bleiben und Kinder sich gut entwickeln können.“ Da die Universitätsklinik Freiburg um die Arbeitsgruppe von Prof. Bauer im Rahmen ihrer groß angelegten Schulstudie einen geeigneten Präventionsansatz entwickelt hat, war es den Organisatoren der Veranstaltung wichtig, einen Mitarbeiter dieser renommierten Arbeitsgruppe gewinnen zu können. „In der Schule wird auf die immense Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen viel zu wenig geachtet“, so der Referent Dr. Thomas Unterbrink zu den rund 100 interessierten Zuhörern. „Belastende Beziehungen wirken sich ungünstig auf die Lehrergesundheit aus. Deshalb müssen Lehrer ihre Beziehungskompetenzen als wesentliche Säule der Gesundheitsprophylaxe stärken.“ Denn neurobiologische Erkenntnisse legen einen Zusammenhang nahe zwischen der dramatischen Verschlechterung des Beziehungsgeschehens innerhalb vieler Schulen und der Verschlechterung der Lehrergesundheit. Zu diesem Zwecke wurde von der Universität Freiburg auch ein spezielles Coachingangebot für Lehrkräfte entwickelt, das im folgenden Schuljahr auch den Lender-Kollegen als Angebot zur Verfügung gestellt werden soll.