Sasbach(sp). „Wir haben den Kindern in Kabul einen Deal angeboten. Wir schenken euch Schulhefte und ihr gebt uns dafür eure Spielzeugwaffen”. Die Lenderschüler aus der Oberstufe „klebten” Oberstleutnant Volker Grönhagen geradezu an den Lippen, als er von diesem Deal in Afghanistan erzählte und eine der Spielzeugwaffen in der Runde kreisen ließ, die einer echten Pistole täuschen ähnlich sah. Über 5000 Spielzeugwaffen wurden gegen Schulhefte eingetauscht und manches Kind brachte sogar eine richtige Waffe des Vaters, um ja in den Besitz eines Heftes zu kommen. Die Spielzeugwaffen wurden dann eingeschmolzen, zu Linealen gemacht und dann wieder an die Kinder verschenkt. Weshalb dieses Tauschgeschäft vorgeschlagen wurde, begründete der Leiter der ISAF-Abteilung „Operative Information” in Afghanistan damit, dass Kinder in der afghanischen Gesellschaft mit Waffen groß werden.
Bei Patrouillen wissen Soldaten häufig nicht, ob es sich um Spielzeug oder Originale handelt. „Da kann es schon einmal passieren, dass aus Spaß auf Soldaten gezielt wird. Es wäre nicht auszudenken, wenn dann ein Soldat die Situation falsch einschätzt und auf ein Kind mit einer Spielzeugwaffe schießt”, betonte der Oberstleutnant, der 15 Monate im Auslandseinsatz in Afghanistan tätig war. An diesem Beispiel verdeutliche Volker Grönhagen, dass der „Einsatzbefehl” der ISAF-Schutztruppen in Afghanistan „Hilfe und Kooperation” lautet und sehr viel mit Vertrauen, persönlichen Kontakten zu Menschen und Aufzeigen von Zukunftsperspektiven zu tun hat.
Dass Oberstleutnant Volker Grönhagen kurz vor den Weihnachtsferien an die Heimschule Lender kam, war den persönlichen Kontakten von Doris Uhlig zu verdanken. Hierfür bedankte sich der Fachleiter Geschichte/Politik, Emil Spath, als er den Offizier begrüßte. Auch für Schulleiter Dr. Hubert Müller war es eine Freude, dass dieser Termin zustande kam und er bat den Gast, sich im „Goldenen Buch” der Heimschule Lender einzutragen. Neben den persönlichen Erfahrungen, den eindrucksvollen Projekten und den Einblicken in Land und Leute hatte die Veranstaltung einen weiteren interessanten Aspekt. Denn vor drei Jahren erlebten die Schüler live im Fernsehen, wie Bundeskanzler Gerhard Schröder bezüglich des Auslandseinsatzes der Bundeswehr in Afghanistan die Vertrauensfrage stelle. Gegen einige kritische Stimmen aus dem Regierungslager sprach sich der Bundestag dafür aus und nun konnten die Schüler live erleben, wie sinnvoll und richtig diese Entscheidung für eine Schutz- und Friedensarbeit der Bundeswehr ist.
Zehn Jahre war Volker Grönhagen in Auslandseinsätzen tätig, zuerst als Blauhelmsoldat auf dem Balkan und dann 2002/2003 als Soldat der internationalen Schutztruppe ISAF in der afghanischen Hauptstadt. „Empathie” oder die „Umkehr der Perspektive” nannte der Obersleutnant ein zentrales Anliegen der Schutztruppen und der „Soldaten zum Anfassen” vor Ort, um sich in die Menschen, deren Leben, Kultur und Religion hinein zu versetzen. Diese von den Soldaten geforderte „interkulturelle Handlungskompetenz” ist aber auch notwendig, wenn sich beispielsweise Jugendliche aus verschiedenen Ländern begegnen oder wenn Firmen Auslandskontakte haben. Wie er dies mit seiner Einheit „Operative-Information” gleichsam unter dem Leitwort „Hunger, den Brot nicht stillen kann” in Afghanistan umsetzte, war beeindruckend und erfolgreich. So wurde ein Radiosender gegründet, der allerdings kein „Militärsender” sein sollte, sondern im Sinne der „Empathie” das sendet, was die Menschen hören wollen. Eine Umfrage unter der Bevölkerung ergab, dass die Menschen am liebsten afghanische und indische Musik hören, amerikanische Musik weniger gern. Als Name für den Sender wurde vorgeschlagen Radio „Sada-e Azadi” – „Stimme der Freiheit”. Eine Frage war, ob auch Frauen moderieren dürfen. Für die befragten Männer war dies kein Problem, Frauen wurden nicht befragt. Weshalb dies so war, beschrieb Volker Grönhagen so: „In Afghanistan darf man nicht einfach eine Frau anreden. Zuerst müssen sie den Ehemann fragen, ob sie die Frau etwas fragen dürfen”. Der Radiosender „Stimme der Freiheit” war der erste Arbeitgeber in Kabul, der Frauen einstellte. Unter dem Regime der Taliban durften Frauen nicht arbeiten, auch nicht zur Schule gehen.
Beratung der Soldaten, Kommunikation mit der Bevölkerung oder die Projekte der Bildungskampagnen waren weitere Beispiele, wie die Schutztruppen arbeiten und versuchen, mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Kontakt zu kommen und Zukunftsperspektiven auszuzeigen. So wurde bei einer Bildungskampagne aus dem Slogan „Wissen ist Macht” auf einem Plakat die afghanische Version „Wissen ist ein Gottesgeschenk”, wobei auf dem Foto Mädchen in der ersten Reihe in der Schule saßen. Zu Zeiten der Taliban undenkbar.