Wilhelm Tell, populärster Held aller Schiller-Dramen, "der Apfel-Durchlöcherer" und Schweiz-Befreier, weil Tyrannen-Beseitiger, ist ja gar nicht so. Wie ist er denn?
Vor allem ist er ein Held wider Willen; lieblos-grantiger Vater; mit der Armbrust zuviel unterwegs; von der Ehefrau Hedwig (gespielt von Tamara Striebel) stark verdächtigt, mit Gertrud (Carmen Dresel) zu flirten, was sich bühnenwirksam bestätigt; ein Schützenkönig mit arg animalischen Regungen: Schon sein erstes Auftreten führt zum Austreten hinterm Ster Holz - und plätscher-plätscher tönt es aus dem Aula-Lautsprecher, zum Original-Zitat: "Ich hab getan, was ich nicht lassen konnte." So einer ist er.
"Frei nach Friedrich Schiller" inszenierten Katja Lang-Cappel und Thomas Fischer mit der fabelhaft eingestimmten Theater-AG des Lender-Gymnasiums die ulkig-boshafte Parodie "Willi Tell" von C.H.Müller. Freilich ist es mehr Ulk als Bosheit, wenn mitten im Rütli-Schwur (Nacht mit Käuzchen-Schrei) die wackeren Kämpen sich verhaspeln, "Freundschaft" mit "Freundin" verwechseln und buchstäblich aus der Rolle fallen, denn "der Text ist aber auch zum Abgewöhnen!".
Kein Szenenwechsel: Während nach der Panne die Kulissenmaler (Bühnenbild von Eberhard Schreiber) unverdrossen an ihrem Kolossalwerk der Alpen weiterpinseln, bestürmt der "Regisseur" und Spieler des Tell (Johannes Helsberg) mit heftigen Appellen seine Akteure, die ihn freilich nur mit dem Alte-Leier-Chor "Was will der Dichter damit sagen?" lustlos nachäffen.
In dieses Doppelspiel zwischen realer und Schiller-Bühne funkt hartnäckig noch Humphrey Bogart mit "Casablanca" hinein. Wie das zusammenpasst? Ach, es war nur so eine Idee der Bertha v.Bruneck (Anastasia Kohler), um den Rudenz (Stefan Wilhelm), dieses langhölzerne Elend, zu einer attraktiveren Kuss-Szene zu bringen.
Von da an aber geistert die Casablanca-Idee durchs Ensemble bis zum Tell-Gegenspieler Geßler. Bei Schiller ein tyrannisches Ungeheuer, bringt er es in der Parodie und mit Hilfe des cleveren Komödianten Marc Schumacher nur zu einer Art Kamillenbad-Tyrannen.
Seine Mühsal mit dem Schweizer Klima und mit den widerspenstigen Eingeborenen können auch die zärtlichen Damen Bertha und Harras (Irina Kerschmann) kaum lindern, so dass er entnervt ins amüsierte Publikum donnert: "Ich werde noch wahnsinnig! Wäre ich doch nur in Casablanca geblieben!"
Geßler und Willi sollen Feinde sein? Als letzterer nach raffiniert vollbrachtem Apfeldurchschuss auch Geßler erledigt, erscheint die Befreiungstat doch "nur als Ende einer Männerfreundschaft"...
Und noch eine Ebene bereitete viel Heiterkeit im Publikum. Tirza Härer und Rouven Heidler sorgten als Erzähler I und II für Durchblick und eine "interaktive Phase" während des Stückes: War doch mangels See, Ruderboot, Sturm die Illusion derselben mit Hilfe der Zuschauer im "Hau-Ruck-Verfahren" herzustellen. Und wie das klappte!
Das Allermeiste in dieser vielschichtig "schillernden" Parodie klappte hervorragend. Alle auch hier nicht genannten Aktiven bewiesen viel Fantasie und Können im originellen und technisch sehr aufwändigen Spectaculum zum Schiller-Jahr. Die Theater-AG und ihre Verantwortlichen bereiteten über drei Stunden ein sich steigerndes, lebhaftes und viel beklatschtes Vergnügen.
az