Sasbach. In zwei ausverkauften Vorstellungen zeigte die Theater-AG der Heimschule Lender den „Kaukasischen Kreidekreis“. Die werkgetreu inszenierte Brechtsche Parabel begeisterte das stürmisch applaudierende Publikum.
Die Grundidee zum Brechtschen Kreidekreis ist bereits in der Bibel (1. Könige 3) zu finden. In der Legende streiten zwei Frauen um ein Neugeborenes. Salomo befiehlt das Kind mit dem Schwert in zwei Hälften zu teilen. Der schreckliche Plan entsetzt die Mutter und sie fleht, das Kind nicht zu töten, sondern es ihrer Konkurrentin zu überlassen. Daraufhin fällt der König sein sprichwörtlich gewordenes „salomonisches Urteil“: Die Mutter erhält ihr Kind zurück, die Lügnerin wird bestraft.
Nach Bertolt Brechts fragmentarischen "Odenser Kreidekreis" (1939) und der Erzählung "Der Augsburger Kreidekreis" (1940), entstand im amerikanischen Exil der „Kaukasische Kreidekreis“, der 1954 seine deutsche Uraufführung erlebte.
Die Aufführung der Lender-Theater-AG beeindruckt mit monumentalen Aufzügen. Rund drei Dutzend Schüler der Klassen 5-13 und die Lehrer Dick Doyle und Klaus Lorenz, sind in über 80 Rollen zu sehen. Ebenso viele Helfer besorgten den Bau des mächtigen Bühnenbildes (Leitung Eberhard Schreiber) oder werkelten hinter den Kulissen. Die von den Lender-Pädagogen Annette Preuß und Manfred Keller inszenierte Großproduktion hielt die Kinder und Jugendlichen seit September 2004 in Atem. Die ungezählten Probentermine - Karl Valentin kommentierte einst „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" - fruchteten vorzüglich. Das dreistündige Spektakel lief so glatt wie geschmiert von den Brettern der Lenderbühne. Selbst als in einer Szene ein Tisch zusammenbrach, ließen sich die Akteure nicht irritieren und spielten einfach weiter.
Auf das entbehrliche, von der Kritik als „bolschewistisches Einwickelpapier“ bezeichnete Vorspiel wurde verzichtet. Brecht sah es 1954 als einen Beitrag zur damals heftig debattierten Frage der Oder-Neiße-Grenze. Auch ohne den noch heute immer wieder aufflammenden Streit um die ehemaligen deutschen Ostgebiete, bietet der Fünfakter eine Fülle aktueller Zeitbezüge und reichlich Stoff zum Nachdenken. Die Wahrheit des Ausspruchs „Wenn das Haus eines Großen zusammenbricht, werden viele Kleine erschlagen. Die das Glück der Mächtigen nicht teilten, teilen oft ihr Unglück,“ zeigt sich zum Beispiel im Irak tagtäglich.
Das grusinische Kriegsgetümmel und die dadurch ausgelöste Panik (1.Bild) wurde mitreißend inszeniert. Der rasante Sturmlauf der mit Speeren bewaffneten Panzerreiter, eine Szene die nur wenige Sekunden dauerte, benötigte bis zur Reife sicher einige Übungsstunden.
Eine grandiose Gedächtnisleistung vollbrachte Björn Siller der die überaus wichtige Rolle des Sängers spielte. In Betonung und Gestik wirkte er vorbildlich. Am Samstagabend, bei der zweiten Aufführung, wurde die Rolle von Jonas Hagen übernommen. Die Hauptfiguren des Stücks, das Küchenmädchen Grusche (Sophie-Louise Stengel), ihr Geliebter (Stefan Michels), die Kindesmutter Natella (Melanie Schmidt) und der Richter (Lukas Hey) glänzten ebenfalls mit glaubhafter, schauspielerischer Intensität. Ebenso begeisterte das fünfköpfige Schülerensemble, das unter dem Dirigat von Bärbel Anstett die von Paul Dessau komponierte Bühnenmusik stilsicher intonierte.
Von Wolfgang Winter