Home » Aktuelles » Mit Gottvertrauen nach vorne - Fragen an den neuen Schulleiter der HL (August 2008)

Mit Gottvertrauen nach vorne

Fragen an den neuen Schulleiter der Heimschule Lender Lutz Großmann

Lutz Großmann wurde am 15. Juli 1968 in Berlin geboren und war seit Juli 2006 stellvertretender Schulleiter der Heimschule Lender. Zuvor war er Lehrer an der Katholischen Schule „Salvator” in Berlin-Reinickendorf und dann stellvertretender Schulleiter an der Katholischen „Theresienschule” in Berlin-Weißensee. Lutz Großmann ist verheiratet und Vater einer Tochter, er unterrichtet die Fächer Geschichte, Politik und Deutsch. Zusätzlich absolvierte er den weiterbildenden Fernstudiengang „Schulmanagement” an der Universität Kaiserslautern (Master of Arts M.A.) und beendete diesen im Juli 2005 erfolgreich.

Die Fragen stellte Roland Spether

 

1. Vor zwei Jahren wechselten Sie von der Bundeshauptstadt Berlin in das Dorf Sasbach. Wie fühlt sich der Berliner im Schwarzwald, was ist das Schöne an Sasbach?

Uns ist die Region schon länger vertraut, da es über meine Frau familiäre Wurzeln in Ottersweier und in Lahr gibt. So wussten wir schon, was uns erwartet. Die über viele Jahre gewachsenen Beziehungen in den Ortenaukreis waren ausschlaggebend dafür, den Weggang aus Berlin zu wagen. Es gibt schon Momente, wo wir die Großstadt vermissen, aber wenn man von Sasbach über Obersasbach nach Sasbachwalden wandert und in der Abendsonne den Blick über die Reben bis nach Straßburg schweifen lässt, vergisst man die „alte“ Heimat. Es gibt schon Momente, da hat die von Ferne auftauchende Hornisgrinde das Brandenburger Tor als Symbol für die Heimat abgelöst. Aber wenn ich mit Schülergruppen nach Berlin reise, merke ich doch, dass ich noch einen Koffer in Berlin stehen habe.

 
2. Haben Sie schon den berühmten „Lendergeist” entdeckt? Was ist für Sie das Besondere der Heimschule Lender?

Er begegnete mir schon im ersten Bewerbungsgespräch an der Schule. Es war eine offene, warmherzige Atmosphäre, in der ich den Willen aller spürte, miteinander gestalten zu wollen. Dieser Geist prägt das Kollegium, die Schüler und die Eltern gleichermaßen. Der Lendergeist setzt Kreativität frei und bewahrt bei aller Hektik des Alltags davor, den Blick für den Nächsten  zu verlieren. Im Geiste Lenders lässt sich Moderne und Tradition verbinden. Wichtige Werte des Zusammenlebens werden in der Schulgemeinschaft im praktischen Tun erlebbar gemacht. Sie bilden das Fundament, sich den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen.

 
3. Die Heimschule Lender ist mit 2000 Schülern, Lehrern und Mitarbeitern ein großes „mittelständisches Unternehmen” mit einer Fülle an Diensten und Aufgaben, schulischen und außerschulischen Aktivitäten. Was bewog Sie, sich der großen Herausforderung zu stellen, Direktor dieses „Unternehmens” Schule zu sein?

Es ist vor allem die Freude am gemeinsamen Gestalten schulischer Entwicklungsprozesse. Die Betonung liegt wirklich auf dem gemeinsamen Handeln, denn nur die vielfältigen Kompetenzen der Kollegen, Schüler, Eltern und der vielen Hauskräfte führen dazu, dass das Unternehmen Schule gut läuft. Wichtig ist, dass jeder spürt, er kann mit seinem Tun etwas Wichtiges für die Schulgemeinschaft beitragen. Ich will mich nach Kräften bemühen, im Dialog mit allen Gruppen dieses Gefühl der Wertschätzung zur Grundlage werden zu lassen. Es ist eine Herausforderung, aber auch eine Chance und Ehre sich dieser Aufgabe stellen zu dürfen.

 
4. In welchen Bereichen möchten Sie mit dem Schulleitungsteam in den nächsten Jahren schulische und pädagogische Schwerpunkte setzen?

Für mich ist es wichtig, dass es trotz der politisch bedingten strukturellen Veränderungen von Schule gelingt, als Schulleitung nicht nur zu reagieren, sondern weiterhin auch vorausschauend und zuweilen auch ein wenig visionär zu gestalten. Natürlich steht im Mittelpunkt, die Schülerinnen und Schüler fachlich gut auszubilden, ihnen Kompetenzen mit zu geben, die ihnen weitere berufliche Entwicklungswege ebnen. Dabei ist es mir wichtig, die fachliche Ausbildung der Schülerinnen und Schüler stets mit sozialem Lernen und menschlichem Reifen zu verbinden. In erster Linie heißt dies, niemals den Blick allein auf sich selbst zu richten, sondern immer auch für andere, vielleicht gerade auch für Schwächere Einsatz zu zeigen. Ein wichtiges Anliegen ist es, die gemeinsame Verantwortung für die Schulgemeinschaft, für das Schulgebäude und die gemeinsamen Materialien und Räume zu stärken. Mir gefällt das Bild des Pädagogen Hartmut von Hentig, der die „Schule als polis“ beschreibt, in der jeder Verantwortung übernehem darf und muss und so Schritt für Schritt zum kritischen, aktiven Bürger, zum „citoyen“ reift. Die Schule ist und bleibt neben dem Elternhaus die wichtigste Keimzelle unserer Gesellschaft.

 
5. Worin sehen Sie die Stärken der Heimschule Lender?

Aus der Stadt kommend, hat mich sogleich die Internationalität der Schule beeindruckt. Viele Schulpartnerschaften und immer neue zeitlich befristete internationale Projekte prägen das schulische Leben. Es ist schön, dass diese Kontakte von vielen Fachschaften und durch großes Engagement der Kollegen, das oft bis in die eigene „Freizeit“ hineinreicht, getragen wird. Das musische Profil und die Theaterarbeit sind beeindruckend. Hierdurch gelingt es, vielen Schülern Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen, die über den „normalen“ Unterricht allein nicht möglich wären. Eine besondere Stärke der Schule ist für mich, dass es bei all den Aktivitäten kein Konkurrenzdenken gibt, Wettbewerb schon, aber eben eine Grundstimmung, sich über die Erfolge der anderen mit zu freuen. Eine besonderes Glück ist es, mit dem Altsasbacherverein eine Kraft hinter sich zu wissen, die viele Aktivitäten ideel und materiell unterstützt. Eine ideale Verbindung zwischen verschiedenen Schul- und Schülergenerationen, für die man nur dankbar sein kann und die als wertvoller Schatz bewahrt werden muss.

 
6. Als katholische, freie Schule hat die Heimschule Lender einen Sonderstatus im hiesigen Schulwesen. Wie lässt sich der Anspruch von Bildung und Erziehung im Geiste des christlichen Glaubens verwirklichen?

Es beginnt damit, sich stets das besondere christliche Menschenbild zu vergegenwärtigen, das die Einzigartigkeit eines jeden und die Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung ins Zentrum setzt. Beides sollte an einer christlichen Schule im Alltag spürbar sein. Wir bemühen uns darum, den einzelnen Schüler in seiner Gesamtheit wahrzunehmen, als lernenden jungen Menschen, aber auch als Jugendlichen mit all seinen positiven Eigenschaften und auch Schwierigkeiten. Offenheit und Vertrauen spielen für mich eine bedeutsame Rolle, gerade dann, wenn es darum geht, schulische Misserfolge oder andere Problemsituation gemeinsam anzupacken. Auch wenn es uns die Konsumgesellschaft die Leichtigkeit des Lebens vorgaukelt, der Mensch ist mit Defiziten behaftet und eben auch mal Verlierer. In diesen Situationen zeigt sich, ob Solidarität und Gottvertrauen da sind, die es erlauben, den Blick nach vorn zu richten. Aus vielen Gesprächen und aus der Zusammenarbeit mit der SMV, den Eltern, dem Kollegium und den Schulseelsorgern weiß ich, dass wir gemeinsam nach Kräften versuchen, dieses Bild von Erziehung im Alltag umzusetzen. Oft gelingt es, manchmal scheitert man aber auch.


7. In den letzten Monaten konnte man in der politischen Debatte den Eindruck gewinnen, in der Schule gehe es nur um Reform- und Strukturdiskussionen und weniger um Menschen. Welche Vision von Schule haben Sie, welche Lernräume benötigen Schüler?

Schule bedarf in ihrem didaktischen Modell meiner Ansicht nach eines gesunden Mischkonzeptes. Manchmal wird mir zu schnell schwarz-weiß gemalt, indem entdeckendes, handlungsorientiertes Lernen als Königsweg gepriesen und der gute alte Lehrervortrag als Pädagogik von gestern gebrandmarkt wird. Natürlich geht es um anwendbares Wissen, um das Beherrschen von Methoden, aber auch der gut vorbereitete, authentische Vortrag eines Lehrers kann Motivation wecken und wichtige Grundlagen vermitteln. Entscheidend ist die Freunde und Begeisterung, die ein Lehrer für sein Unterrichtsfach empfindet, dann springt der Funke auch  auf die Klasse über.


8. Schüler haben auch ein Recht auf ein „Leben neben der Schule”. Wird die Heimschule Lender ihr Konzept einer freiwilligen Ganztagesschule ändern?

Das Familienleben und die Erfahrungen in Verein und Gemeinde sind von großer Bedeutung; diese Freiräume sind in letzter Zeit sicher enger geworden. Hier müssen alle Beteiligten wachsam sein, denn jeder Schüler und jeder Arbeitnehmer braucht die Erfahrungen außerhalb des „Betriebes“ um neue Kräfte zu sammeln und um aufzutanken. Ich halte das an der Heimschule praktizierte Konzept des freiwilligen Ganztagesangebotes über das Tagesheim und das überaus bunte AG-Angebot für ideal, werde mich aber keinen Diskussionen versperren, wenn es gesellschaftlich geboten scheint, über andere Modelle nachzudenken.

 

9. Welchen Stellenwert hat für Sie die Elternarbeit?

Die eigentliche Keimzelle des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist die Familie. Folglich ist die Schule auf die Unterstützung und das Vertrauen der Eltern angewiesen. Der Elternbeirat der Heimschule Lender ist ein sehr aktives Gremium engagierter Eltern, die nicht nur kritisch das schulische Geschehen beobachten und hinterfragen, sondern aktiv mitgestalten wollen und sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Ein gutes Beispiel ist die etwa vierzigköpfige G-8-Initiativgruppe, in der Eltern, Schulleitung und Kollegen konkrete Maßnahmen erarbeitet haben, die das Gelingen des kommenden Schuljahres befördern werden. An dieser Stelle sei allen, die sich hier engagiert haben, von Herzen gedankt!