Der neue Weg heißt Europa
Interview mit Roland Spether
1. Welche Eindrücke von Polen haben Sie?
Spontan würde ich sagen sehr gute Eindrücke. Ich möchte diese positive Meinung daran fest-machen, dass ich bei meinen Fahrten nach Po-len seit mehr als zehn Jahren immer wieder Menschen begegnen durfte, die sehr offen, herz-lich und gastfreundlich waren. Diese Begeg-nungen mit den Menschen waren für mich sehr wichtig, da dadurch das deutlich wird, was ein Land, seine Kultur und letztendlich seine Reich-tümer ausmachen. Sicherlich sind meine Ein-drücke subjektiv, denn wie in Deutschland wird es auch in Polen Menschen geben, die nicht so gut sind, wie man das von Menschen erwartet.
Was mich hier in Deutschland ärgert ist dies, dass viele Deutsche noch nie einen Polen per-sönlich kennengelernt haben, aber aufgrund von dummen Vorurteilen schlecht über die Men-schen in Polen reden. Ich kann das nicht nach-vollziehen, zumal diese Vorurteile einfach nur so von anderen übernommen und nachge-schwätzt werden, ohne jemals ganz konkrete Erfahrungen mit Polen gemacht zu haben. Das tut weh. Aber ich denke, das ist umgekehrt ge-nau so, wenn manche Polen schlecht über Deut-sche reden. Ich denke, diese Mauer von Vorur-teilen kann man nur überwinden, wenn sich Menschen persönlich treffen, kennen- und ver-stehen lernen und entdecken, dass sie eigentlich ganz anders sind und die selben Hoffnungen, Wünsche und Träume haben.
Fasziniert hat mich neben dem Land Polen und seiner Kultur vor allem die Geschichte. Denn sie war eine Geschichte, die geprägt war von dem Wunsch nach Freiheit. Ja geradezu von dem sehnsüchtigen Wunsch, ein Leben in Frei-heit und Selbstbestimmung zu führen, ohne hierbei von einem anderen Land abhängig zu sein. Dies seit Mitte der 80er Jahre direkt vor
Ort in Polen miterleben zu können, war für mich eine wertvolle Erfahrung. Denn Freiheit ist etwas schönes, sie birgt aber auch die Ge-fahr, seine Verantwortung für andere zu überse-hen und nur an sich selbst zu denken.
2. Wozu dienen die Kontakte nach Polen?
Kontakte und Freundschaften zwischen Deut-schen und Polen sind nicht nur deshalb wichtig, weil die Menschen beider Länder daran arbeiten sollen, daß so schlimme Erfahrungen wie in der Vergangenheit nicht mehr gibt. Die Zukunft ist wichtig, und zwar eine Zukunft in Frieden und Menschlichkeit, in der Hass, Streit und Gewalt keine Chance haben. Dies muß Ziel jeder Arbeit über Ländergrenzen hinweg sein. Menschen müssen Brücken zueinander bauen, nur so kann Europa entstehen. Ich arbeite gerne mit am »Haus Europa« und für die Völkerverständi-gung, weil ich darin einen großen Sinn sehe. Traurig bin ich eigentlich nur, wenn ich Men-schen Vertrauen entgegenbringe und diese das geschenkte Vertrauen mißbrauchen. Aber sol-che Erfahrungen habe ich in den letzten Jahren nur wenig machen dürfen. Die Freude überwog, gerade dann, wenn Jugendlichen aus verschie-denen Ländern -auch aus Polen- miteinander zusammen waren, viel Spaß miteinander hatten und voneinander gelernt haben. Das ist mehr wert, als Reden und Dokumente von Politikern..
3. Warum engagieren Sie sich so stark in der deutsch-polnischen Jugendbegegnung?
Menschen können mit ihren Händen Mauern zwischen sich bauen, Menschen können sich aber auch die Hände reichen und Freundschaf-ten schließen. Mit diesem Satz ist eigentlich alles gesagt und meine ganze Motivation be-schrieben, die mich nach Polen und in andere Länder führt. Denn man muß das Gute tun, damit es in der Welt ist. Bereits mit 13 Jahren habe ich an einem Schüleraustausch in Frank-reich teilgenommen und durfte in den folgenden Jahren miterleben, wie aus ehemals verfeinde-ten Ländern Freunde wurden und wie Grenzen abgebrochen wurden. Daran mit kleinen Schrit-ten mitzuarbeiten, daß dies auch zwischen Deutschland und Polen geschieht, ist mein Ziel. Hierbei sind die Jugendlichen beider Länder die großen Hoffnungsträger, denn sie tragen nicht die Last der schlimmen Kriegsjahre mit sich herum und jene Zeit, in der die Menschen bei-der Länder viel Leid und Unmenschlichkeit erfahren mußten. Der neue Weg heißt Europa. Dieser Weg beinhaltet sicherlich noch einige steinige Etappen, aber es ist der einzige Weg, der in eine friedliche Zukunft führt. Von daher ist es ein guter Weg und es lohnt sich, Zeit und Mühen in diesen abenteuerlichen Weg zu inves-tieren.
4. Wie ist die Einstellung der jungen Deut-schen zu Polen?
Wenn ich hier bei uns in der Schule mit Jugend-lichen über das Thema Polen rede, gibt es si-cherlich nicht von allen Jugendliche eine freu-dige Begeisterung. Sehr schnell ist man beim Thema Auto-Klau oder der Polen-Mafia und es bedarf schon einiger Diskussion, dieses einsei-tige Bild aus dem Fernsehen wieder etwas gera-de zu rücken. Hinzu kommt, dass das Land Po-len für viele unserer Jugendlichen (und auch Erwachsenen) sehr weit weg ist, da das Land durch den »Eisernen Vorhang« doch sehr lange vom Westen getrennt war. Etwas anders ist es mit Ländern wie Amerika, Italien, England oder Frankreich, die unsere Jugendliche mit ihren Eltern oder mit der Schule schon besucht haben und sich somit ein eigenes Bild von dem jewei-ligen Land machen konnten. Ich denke, dass dies auch mit Polen so sein muss, zumal wir nach der deutschen Wiedervereinigung zu Nachbarn wurden. An diesem Punkt muß aber die Arbeit ansetzen, insbesondere die des deutsch-polnischen Jugendaustausches, die für mich sehr wichtig ist. Das bedeutet, daß wir gemeinsam angefangen haben, Freundschaften zwischen deutschen und polnischen Jugendli-chen zu schließen. Wir reden miteinander, ver-suchen einander zu verstehen und beschenken uns gegenseitig, denn jede Seite hat etwas Be-sonderes in diese Partnerschaft einzubringen. Wir hier in Deutschland haben vielleicht einen größeren materiellen Wohlstand, aber Mensch-lichkeit kann man nicht durch Geld erreichen. Bewundert habe ich an den vielen Menschen in Polen, die mir begegnet sind, daß sie nie ihren Mut und ihre Hoffnung verloren haben. Das ist sicherlich viel mehr wert als Geld. Dieses ge-genseitige Nehmen und Geben ist eine wichtige Erfahrung für die Schüler. Deshalb sind auch Partnerschaften zwischen Deutschen und Polen notwendig, zumal wir ja gemeinsam im »Haus Europa» wohnen wollen.