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Presseberichte: Privatschulen

 

Privat macht Schule – und die Eltern stehen Schlange

 

(Der Sonntag, 28.11.04)

Junge Forscher

Ein Ganztagsgymnasium, kleine Klassen mit maximal 24 Schülern, eine Unterrichtskonzeption, die darauf abzielt, jedem einzelnen Kind individuelle Entwicklungschancen zu eröffnen und die Entfaltung der Persönlichkeit zu ermöglichen   das sind Perspektiven. Perspektiven, für die viele Eltern bereit sind, etwas zu bezahlen. Aber längst nicht alle, die es gerne wollen, können ihre Kinder im privaten Heisenberg Gymnasium unterbringen. Die Schule in der Karlsruher Nordstadt ist zweizügig, die in der Zweigstelle Ettlingen einzügig   72 Kinder können also in die fünften Klassen aufgenommen werden. Dreimal so viele Bewerbungen bekommt Schulleiter Eckart Wäldin auf den Tisch. Das Heisenberg, das vor 25 Jahren von einem Elternverein gegründet wurde, ist heiß begehrt.

Ähnlich ist die Situation bei vielen anderen Privatschulen in der Region: Die Eltern stehen Schlange. Vorbei sind die Zeiten, da Privatschulen als Elite Einrichtungen galten, die für Otto Normalverbraucher sowieso nicht in Frage kamen. lm Pädagogium in Baden Baden gibt es vor allem im Realschul- und im Ganztagsschulbereich Wartelisten. "Früher haben manche Eltern nur verschämt darüber gesprochen, dass ihre Kinder eine Ganztagesschule oder ein Internat besuchen", erinnert sich Andreas Büchler, dessen Urgroßvater 1887 die Bildungseinrichtung gründete, zu der auch eine Grundschule, ein Gymnasium, ein Wirtschaftsgymnasium und ein Internat gehören. Neu in der Schullandschaft ist die von der Merkur-Akademie betriebene Comenius-Realschule, die jetzt in Karlsruhe mit einer fünften Klasse gestartet ist. Es habe sehr viele Anfragen für die private Ganztagsschule gegeben, erzählt Adelheid Martens, die pädagogische Leiterin.

Andrang bei den Privatschulen   hat das etwas mit den Pisa Schulleistungstests zu tun, die Deutschland ein beschämendes Zeugnis nach dem anderen ausstellten? Viele Vertreter von Privatschulen sind der Meinung, dass der Trend in Richtung freie Bildungsalternative schon vor Pisa eingesetzt, sich dann aber möglicherweise noch verstärkt habe. "Die Eltern sind verunsichert, sie halten Ausschau nach Alternativen", sagt Michael Haußmann, der Geschäftsführer der freien Waldorfschule Karlsruhe.

Schulen in freier Trägerschaft sollen nach dem Privatschulgesetz das Schulwesen durch besondere Inhalte und Formen des Unterrichts fördern. Tatsächlich haben Privatschulen vieles vorweggenommen, was jetzt in Zusammenhang mit Pisa diskutiert oder im Rahmen der Schulreformen umgesetzt wird. So sind die Privaten Vorreiter, was Ganztagsschulen für Gymnasiasten und Realschüler angeht. Der Fremdsprachenunterricht ab der ersten Klasse, den das Land als große Errungenschaft feiert, wird an den Waldorfschulen seit langem gepflegt.

"Privatschulen bieten etwas an, was staatliche Schulen unentgeltlich machen. Das heißt, sie sind entweder gut oder es gibt sie bald nicht mehr", sagt Dr. Klaus Vogt von der Landesorganisation des Verbandes Deutscher Privatschulen (VDP). Klingt logisch: Wenn die Eltern zahlen sollen, dann wollen sie etwas dafür haben etwas, von dem sie glauben oder wissen, dass es ihren Kindern an einer staatlichen Schule nicht geboten wird. Das müssen nicht immer revolutionär neue Ansätze sein, es kann auch schlicht um die Vermittlung bestimmter Werte gehen. Ein Beispiel dafür ist die Heimschule Lender in Sasbach, die sich dem christlichen Menschenbild verpflichtet fühlt. Das mit 1720 Schülern größte Privatgymnasium der Region wurde 1875 von Prälat Lender gegründet. In der von der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg getragenen Anstalt ist die Teilnahme am Religionsunterricht (katholisch oder evangelisch) Pflicht. Eine Regel, die, wie Direktor Dr. Hubert Müller erläutert, auch für Angehörige anderer Religionen gilt. Da gibt es dann auch die Muslima, die mit Kopftuch im evangelischen Religionsunterricht sitzt -  die Werteerziehung und der gute Ruf der Schule überzeugen offenbar nicht nur christliche Eltern.

Diese Erfahrung teilt der Sasbacher Schulleiter mit Dr. Ingrid Geschwentner, der Direktorin des St.DominikusGymnasiums. Das Dominikus ist Karlsruhes letzte reine Mädchenschule. Was in manchen Ohren schrecklich altmodisch klingt, hat nach neueren Forschungen Zukunft: Studien weisen nach, dass Schülerinnen an Mädchenschulen im Durchschnitt bessere Lernfortschritte zeigen und sich mehr zutrauen, als junge Frauen, die in gemischten Klassen unterrichtet werden. Diese Erkenntnis beeindruckt offenbar eine wachsende Zahl von Eltern: Dr. Geschwentner berichtet, dass doppelt so viele Anfragen bei ihr eingehen wie Plätze zur Verfügung stehen.  Annette Borchardt Wenzel

 

 

 

Irrtümer und Vorurteile

 

Obwohl die Wertschätzung der Privatschulen in der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren gestiegen ist, gibt es nach wie vor Vorbehalte. DER SONNTAG fragte Leiter von Privatschulen aus der Region, was sie auf besonders häufige Vorurteile antworten.

Vorurteil Nummer eins: "Privatschulen 

das sind Schulen für die Kinder der Reichen."

Für Privatschulen müssen die Eltern Schulgeld bezahlen. Aber den Kindern von Eltern mit geringerem Einkommen bleiben die Türen der alternativen Bildungseinrichtungen nicht zwangsläufig verschlossen. Einmal sind die Beiträge, die die Eltern entrichten müssen, je nach Schule, Träger und Betreuungsangebot sehr verschieden. So fallen bei den konfessionellen Schulen, die zur Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg gehören, derzeit 200 Euro Schulgeld pro Jahr an, während beispielsweise für einen Tagesschüler im Pädagogium Baden Baden 400 Euro pro Monat zu bezahlen sind. Bei solchen Beträgen mag mancher schlucken. Aber: Im Einzelfall kann das Schulgeld ermäßigt werden. Das Pädagogium verfügt laut Andreas Büchler über einen Stipendienfonds von 19 000 Euro pro Monat, der Kindern aus sozial schwächeren Familien zugute kommt. "Am Einkommen der Eltern soll es nicht scheitern"   den Satz hört man im Gespräch mit Schulleitern immer wieder. Das Heisenberg Gymnasium in Karlsruhe (Beiträge ab 270 Euro pro, Monat je nach Klassenstufe, Sozialermäßigung möglich) beschreibt die soziale Zusammensetzung seiner Schüler als "repräsentativen Querschnitt durch alle Bevölkerungsbereiche mit leichter Tendenz zur gehobenen Bevölkerungsschicht". Bei den freien Waldorfschulen ist die Höhe des Schulgeldes einkommensabhängig.

Vorurteil Nummer zwei: "An Privatschulen

kaufen die Eltern den Schulerfolg   da schafft

es jeder noch so schwache Schüler."

Stimmt nicht, sagen die staatlich anerkannten Privatschulen. Ein Kind, das beispielsweise an einer privaten Realschule oder einem privaten Gymnasium aufgenommen werden soll, muss dieselben Zugangsvoraussetzungen erfüllen wie an einer staatlichen Schule. Die Grundschulempfehlung ist auch für die Privaten bindend. Auch bei den Prüfungen haben es Privatschüler nicht leichter: Ein Gymnasiast hat an der Privatschule genau die gleichen Abitur Aufgaben zu bewältigen wie der staatliche Schüler. Worin sich die Privatschulen teilweise allerdings deutlich von staatlichen Schulen unterscheiden, sind die Unterrichtskonzepte und die Rahmenbedingungen (zum Beispiel die Klassengrößen)   Faktoren, die bei einzelnen Schülern durchaus entscheidend für den Schulerfolg sein können.

Vorurteil Nummer drei: "An Privatschulen

wimmelt es von verwöhnten und verhaltens-

auffälligen Kindern."

"Wir sind keine Jugendhilfe Schule", sagt dazu spontan die Vertreterin einer Privatschule. Auch andere Schulleiter erklären, dass sie auf einen guten Mix in ihren Klassen Wert legen. Kinder, die möglicherweise Probleme bereiten, könnten zwar aufgenommen werden   aber nur so viele, dass die Unterrichtsqualität nicht leidet, scheint das übliche Motto zu sein. Wichtig ist den Privatschulen, dass die Eltern hinter dem jeweiligen Konzept und den vermittelten Werten stehen. In vielen Schulen geht der Aufnahme des Kindes daher ein ausführliches Bewerbungsgespräch voraus.  bo