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Das Werk Viktor Klemperers steht unter dem Motto: "Ich will Zeugnis ablegen..." Der Wettbewerb knüpft an dieses Thema an und fordert junge Leute auf, eine Geschichte zu erzählen und sie dem Vergessen zu entreißen. Mit dem Ziel, kreativ für Toleranz zu sein, haben Jugendliche aus der ganzen Bundesrepublik ihre Ideen eingebracht.

Am 26.September 2006 werden die Ergebnisse in Berlin vorgestellt. Die Heimschule Lender ist mit einem 2.Preis vertreten. Wie es dazu kam, schildert der folgende Text:

Was hat Sasbach mit Jerusalem zu tun? Die Frage eines Kindes in Jerusalem löste eine Bewegung aus, die noch in Sasbach zu spüren war. „Vater, sag mir, warum haben wir keine Großeltern?“ Die Antwort lag in einer Schublade begraben. Vierzig Jahre unberührt schlummerten dreißig Briefe der Großeltern vor sich hin. Einzige greifbare Spuren ihres Lebens, das sich für immer im Rauch von Auschwitz verlor. Stumme Zeugen einer großartigen Frau aus dem Lager Gurs, letzte Buchstaben von der geliebten Mutter bzw. Oma. Die Frage des Kindes hat Verkrustungen zweier Väter aufgebrochen, Menachem aus Jerusalem und Fred aus Florida. Sie entschlossen sich, die schmerzvolle Erinnerungsarbeit zu leisten und die ganze Geschichte zu erzählen.

 

 

Alles begann in Hoffenheim, heute ein Ortsteil von Sinsheim/Elsenz zwischen Heidelberg und Heilbronn. Pfälzer Landjuden, die sich von der großen, bedeutenden Familie des Kalonymos herleiten, lebten bescheiden in den Dörfern des Kraichgau. Karl und Mathilde Mayer fristeten in Hoffenheim als Viehhändler und Synagogendiener ein bescheidenes Leben. Manfred und Heinz lebten mit den Kindern des Dorfes einigermaßen toleriert, bis der Nationalsozialismus auch dorthin kam. Die Entmenschlichung erreichte ihren Höhepunkt in der Reichspogromnacht mit der Zerstörung der Synagoge. Die Familie blieb obdachlos und verzweifelt zurück. Mit allen badischen Juden wurde die Familie Mayer nach Gurs in Südfrankreich deportiert. Baden erwies sich darin als Musterländle, dass es der erste judenreine Gau Deutschlands wurde.

Gurs war ein Camp am Rande der Zivilisation, in dem Mutter und Vater Mayer liebevoll für ihre Kinder sorgten, bis eine Hilfsorganisation die jüdischen Kinder aus dem Lager holte. Ohne Abschied, mit einem kurzen Winken von der Brücke, ließ die Mutter die Kinder ziehen und blieb selbst zur Vernichtung zurück. Die jüdischen Kinder kamen in Kinderheime, die nach dem spanischen Bürgerkrieg in Frankreich leer standen. Völlig allein, getrennt von den Eltern, mussten sich der elfjährige Manfred und der achtjährige Heinz mit anderen Flüchtlingskindern zurechtfinden. Einziger Trost waren die (zensierten) Briefe der Mutter, die etwas Wärme in den Waisenhausalltag brachten. Kinderheime in Aspet und Toulouse waren notdürftige Heimat der elternlosen Brüder. Als die Nazis den Süden Frankreichs besetzten, eskalierte die Situation. Die Brüder wurden getrennt. Der ältere musste sich im Untergrund in Frankreich als Pfadfinder durch die Büsche schlagen, der jüngere wurde in die Schweiz geschleust, um ihn in verschiedenen Verstecken in Sicherheit zu bringen. Am Ende des Krieges waren zwei Brüder allein auf der Welt. Der Große fühlte sich für den Kleinen verantwortlich, aber die Wege trennten sich. Manfred ging nach Amerika, Heinz nach Palästina. Eine neue Identität - aus Manfred Mayer wurde Fred Raymes, aus Heinz Mayer wurde Menachem Mayer - symbolisiert den Neuanfang. Aus heimatlosen Jugendlichen, die nur 42 Monate die Schule besucht hatten, wurde Fred, der Luftfahrtingenieur, der bei der NASA an der Entwicklung des Space-Shuttle mitgearbeitet hat, und Menachem, der die Lehrpläne für Naturwissenschaften im Erziehungsministerium von Jerusalem entwickelt hat. Aus entrechteten und verachteten deutschen Buben wurden Männer, die an Schaltstellen ihrer Gesellschaft entscheidend mitwirkten. Europa trauten sie nicht viel zu, sie suchten ihren Platz in einer anderen Welt. Das war in Kürze die Geschichte eines Lebens,die lange Zeit unausgesprochen verschüttet lag.

Auch in Hoffenheim tauchte die Frage auf: „ Wo sind all die Juden hin, die einmal in Hoffenheim gelebt haben?“ Es gab Gerüchte, dass es Überlebende des Holocaust gab. Das Pfarrerehepaar in Hoffenheim Doris und Matthias Uhlig nahm Kontakt auf und begleitete den Annäherungsprozess zwischen Hoffenheim, Jerusalem und Amerika. Dreizehn Jahre war Matthias Uhlig Pfarrer in Hoffenheim. Mit der Versetzung nach Achern nahm er die Verpflichtung mit, ein Buch über die Juden in Hoffenheim herauszugeben.

 

Das Buch schrieben andere. Menachem und Fred erzählten ihre Geschichte in hebräischer Sprache. Sie erschien in Yad vaShem, der Holocaustgedenkstätte in Jerusalem. Später wurde das Buch ins Englische übersetzt. Diese englische Version erreichte 2002 das evangelische Pfarrhaus in Achern. Das war das Buch, das noch zu schreiben war.

 

 

 

Es war jetzt wichtig, dieses Buch ins Deutsche zu übersetzen. Eine Übersetzerin aus Sasbach wurde schnell gefunden, Frau Jeannette Franke. Das Buch aus Jerusalem war in Sasbach angekommen. Mit der deutschen Übersetzung war unvermeidlich auch die Frage nach dem Namen der Täter aufgeworfen. Es wurde eine an ein Wunder grenzende Versöhnung möglich zwischen den Kindern der Beteiligten der Reichskristallnacht und den Opfern. Carola Mühlburger, Dr. Rüdiger Hopp, Dietmar Hopp suchten die Verständigung. Mit einem Festakt am 4. September 2005 wurde ein neues Kapitel der Freundschaft aufgeschlagen. Die Familien Hopp und Mayer erlebten mit allen Kinder und Enkeln die zukunftsweisende Kraft der Erinnerung.

Im Herbst 2005 war man in Sasbach auf der Suche nach einem Stoff für das Thema „Zeitzeugen“. Herr Noss, Musiklehrer an der Heimschule Lender, hatte eine Vision- ein Konzert des Sinfonieorchesters mit Musik jüdischer Komponisten. Thematisch sollte das Konzert ergänzt werden durch Texte und Erfahrungen Überlebender des Naziterrors. Frau Uhlig, Religionslehrerin an der Heimschule, hatte das Buch aus Hoffenheim, Schüler der 10. Klasse ließen sich von dieser Geschichte inspirieren, schrieben Szenen aus dem Leben der beiden jüdischen Brüder. Musik und Texte ließen ein beeindruckendes Konzert am 24. März 2006 zu Gehör kommen. Unter dem Titel „Sehen, was war“ wurde der Konzertmitschnitt, erarbeitet von Maximilian Eisinger, Vanessa Ringwald, Nathalie Spath und Laura Wehle, eingereicht für den Viktor- Klemperer- Wettbewerb 2006. Belohnt wurde die außerordentlich aufwendige Arbeit mit dem zweiten Platz.

Begleitet wurde dieses Projekt von der Lektüre des Buches „Aus Hoffenheim deportiert“- der Weg zweier jüdischer Brüder im evangelischen Religionsunterricht der Klasse 10 Die daraus entwickelte Dokumentation wurde mit der DVD eingereicht. Die Würdigung mit dem renommierten Preis, der von der Deutschen Bank, dem Bündnis für Demokratie und Toleranz und dem ZDF ausgeschrieben ist, ist eine schöne Anerkennung für die geleistete Arbeit. Durch die Beschäftigung mit dem dunklen Kapitel europäischer Geschichte wurde an der Brücke zwischen Jerusalem und Sasbach weitergebaut. Wie die Geschichte weitergeht, ist noch offen. Nächstes Jahr in Jerusalem?

Das Buch „Aus Hoffenheim deportiert“ erschien 2005 beim verlag regionalkultur in Ubstadt- Weiher unter ISBN 3-89735-407-1. Unter dem Titel „Menachem und Fred“ wurde aus der Geschichte ein Dokumentarfilm in Deutschland, Frankreich, USA und Israel gedreht. Er wird voraussichtlich 2007 gesendet. Information zum Film

 

verantwortlich für Bild und Text: Doris und Matthias Uhlig