Humorvoll modernisiertes Theaterstück
"Die Vögel" von Aristophanes in der Heimschule Lender aufgeführt/ Auch Rektor Müller spielte mit (ARZ 20.03.06)
In der Aula der Heimschule Lender präsentierte die Theater-AG der Heimschule Lender eine authentisch erscheinende Neuinszenierung der „Vögel“ von Aristophanes. Die geist- und humorvoll modernisierte, auch musikalisch begeisternde Spielfassung wurde von rund 750 Besuchern in drei, bis auf den letzen Platz ausverkauften Vorstellungen stürmisch gefeiert.
von Wolfgang Winter
Sasbach. „Die Vögel“ gilt als die formvollendeste Komödie des altattischen Komikers Aristophanes (445-385 v.Chr.). Vor 2420 Jahren, bei der Uraufführung zu Ehren des Gottes Dionysos, scharten sich bereits am frühen Morgen rund 3000 Menschen in den halbkreisförmigen, an den Felsen der Akropolis aufsteigenden Sitzreihen. Der einfallsreichen Bühnenbild-AG unter Eberhard Schreiber glückte die Verwandlung der Lender-Aula in eine antike Spielstätte. Dank einer neuen, vor der mit einem Palastprospekt maskierten Längswand errichteten Bühne, konnte das Publikum ebenfalls im Halbkreis sitzen. Oben, im Olymp, dass heißt auf der bisherigen Hauptbühne, regierte die Muse. Dieser Bereich blieb den Götter und Heroen sowie den Musikern vorbehalten.
Die Zeitreise zu den Ursprüngen des abendländischen Theaters beginnt stimmungsvoll. Der in vier Abteilungen aus dem Dunkel eilende und sich hinter den Zuschauern positionierende 30-köpfige Chor der Vögel raunt im wohlklingenden, allmählich immer lauter werdenden Altgriechisch, den Text von der Geburt des „Uranfänglichen Windeis“. Nach der deutschen Übersetzung der anspielungsreichen Ursprungsmythe folgt eine deftige Publikumsbeschimpfung des Autoren. Hier wird die „dem dunklen Geschick verfallene“ Gattung Mensch von Aristophanes als „Eintagsfliege ohne Flügel“ und „ohnmächtiger Zwerg“ verhöhnt. Der erste Beitrag des Bärbel Anstett dirigierten Orchesters verstärkt die Spannung. Die von Herbert Söllner komponierte Partitur ist eng an das aus Fragmenten zu erschließende Tonspektrum griechischer Theatermusik angelehnt. Die einen suggestiven Sog entwickelnde, archaisch und geheimnisvoll klingende Tonodyssee, erfährt als Begleitung zu den Gesangspartien eine gelungene, an Kompositionen von Kurt Weill erinnernde Umformung. Mit dem vorläufigen Abgang der Chorformationen beginnt das Bühnenspiel. Die Athener Pisthetairos („Ratefreund“) und Euelpides („Hoffegut“) sind auf der Suche nach einer besseren Welt. Zwei Vögel geleiten sie zu ihrem König, den Wiedehopf. Ratefreund entwickelt eine verrückte Idee. Er umschmeichelt den Anführer und sein Gefolge und setzt ihnen, demagogisch geschickt, den Floh ins Ohr die Weltherrschaft anzustreben. Eine gewaltige Mauer soll ihr neues Reich, das „Wolkenkuckucksheim“ umschließen und sogar Zeus zur Abdankung gezwungen werden. Auf die „Am Anfang war das Huhn“ -Theogonie“ reagieren die Vögel nach anfänglichen Misstrauen schon bald begeistert und machen sich an die Arbeit. Währenddessen versuchen sich ein Bettelpoet, Diplomat, Gesetzesfabrikant und Sänger als unentbehrlich gebärdende Dienstleister des Regierungswechsels in Stellung zu bringen. Ratefreund jagt sie davon und erhält vom unvermutet auftauchenden Prometheus die richtige Verhandlungsstrategie eingetrichtert um den von einem Boten angekündigten Zorn der Götter zu begegnen. Und tatsächlich, als diese aufgebracht erscheinen, besänftigt der Duft gebratenen Geflügels (!) die aufgebrachten Gemüter. Im Original heiratet Ratefreund am Ende die Zeustochter Basilea. Unter der sorgsamen Regie von Annette Preuss und Manfred Keller wurde ein neuer Schluss gefunden. Hier kontert der Chor der Götter. Hinter einer drohend aufgerichteten Schreckmaske mit der Unheil verkündenden (Vogelgrippenvirus-) Chiffre H5N1, wird die Hybris des Wolkenkuckucksheimer energisch in die Schranken verwiesen.
Mit der Inszenierung gelang den Lender-Lehrern ein zutiefst beeindruckendes Großprojekt. Über hundert Schüler aller Klassenstufen waren mit großer Begeisterung vor und hinter den Kulissen tätig. Die von Raphela Kind geleitete Kostümgruppe verdient ebenfalls höchstes Lob. Bei den Schauspielern überzeugten nicht nur die Hauptdarsteller, auch in den gut besetzten Nebenrollen verstanden es viele zu glänzen. Wie ein unerschütterlicher Fels in der Brandung wirkte Lukas Hey als Pisthetairos. Seine Spielkunst erwies sich als tragende Säule des vergnüglichen Geschehens. Das größte Gelächter erzielte der Auftritt des Göttertrios. Hubert Müller (Poseidon), Dick Doyle (Herakles) und Thomas Feigenbutz (Barbarengott Driballer) zeigten sich von ihrer närrischen Seite und unterstützten damit das gigantische Projekt an vorderster Front. Darüber hinaus besorgte der Lender-Direktor die satirischen Einfügungen mit der das Stück seine zeitkritische Würze bezog. Dass zum Beispiel Driballer als tumber Fußballfan erschien, hätte sicher auch Aristophanes gefallen.