Theater „Außer Kontrolle” Heimschule Lender Sasbach
Wenn der Minister der Regierung mit der Sekretärin der Opposition…
Sasbach. Der Abend meinte es nicht gut mit Staatsminister Richard Willey (Björn Siller), aber umso besser mit dem Publikum, denn das war in bester Laune zur Farce "Außer Kontrolle" des erfolgreichen britischen Autors Ray Cooney angereist und verließ in noch besserer Laune die Aula der Heimschule Lender in Sasbach.
Premieren habe ihre eigenen Adrenalingesetze, doch in diesem Fall musste das Publikum im vollbesetzten Saal nicht lange warten, bis sich die Akteure freigespielt und entfesselt in die Katastrophe stürzten. Mag es an endlosen Proben gelegen haben oder an der Besessenheit der Akteure – das Ergebnis abzulesen bedurfte es nicht einmal des Blickes auf die Bühne. Ein Ohr mitten im Zuschauerraum reichte um zu bemerken, dass der hohe Anspruch, dem sich die Lenderschule im künstlerischen Bereich verpflichtet fühlt, mehr als erfüllt wurde.
Doch zurück zu Mr. Willey. So kühl wie das politische Tagesgeschäft organisiert der Staatsminister ein Rendezvous mit der Sekretärin des Oppositionsführers. Leider verhagelte eine Leiche, eingeklemmt im Fenster des Hotelzimmers, diesen Abend nachhaltig. Die Entdeckung im erwähnten Fenster, welches übrigens eine der Hauptrollen des Abends inne hatte, war der Startschuss zu einem intensiven Komödienabend. Es häuften sich die Momente, in denen das Lachen des Publikums der souveränen Sprechtechnik der Akteure lautstärketechnisch überlegen war. Gab es am Anfang noch Hoffnung, dass eine Notlüge die Beteiligten vor einem Politskandal erster Güte bewahren könne, galt es bald das Prinzip anzuerkennen, dass eine Lüge eine neue gebiert. Oder auch zwei.
Für Verwirrung sorgte dabei nicht nur der alte Diener Harold (Christopher Striebel), der mit hervorragender Gestik souverän die 50 Jahre überspielte, die ihn vom wahren Alter Harolds trennten, auch die indiskrete Hotelmanagerin (Viktoria Jank) platzte meist im verkehrten Moment in die Hotelsuite Mr. Willeys. Der Weg der Handlung führte vom Problem über das Chaos zur Katastrophe um fast in der Anarchie zu enden, denn am Ende ging der eine oder andere Gegenstand in benachbarter Suite schon zu Bruch, aber dafür war der glänzend besetzte Mr. Willey dann doch genug Politiker, um klar strukturiert die Katastrophe zu managen.
Wer bis zum Ende des ersten Aktes meinte, dass das Eintreffen weiterer Personen zur Klärung vorgestellter Probleme führen würde, musste im zweiten Akt feststellen, dass dem eher weniger so war. Auch wenn durch die Feststellung, dass der Tote gar nicht tot war eine Lösung greifbar schien – die Anwesenheit von zuviel Ehefrauen, Geliebten, Schwestern und deren Verwandtschaftsverhältnisse ließen keine Lösung zu, die unterhalb des Wortes "Wahnsinn" anzusiedeln war. Selbst das vergessene Gedächtnis der „Nicht –mehr- Leiche“ (Daniel Bollinger) half nicht weiter. Mit der Erkenntnis, dass diese ein Privatdetektiv ist, der schon lange die Liaison von Minister und Sekretärin beweisen konnte, waren einvernehmliche Lösungen ausgeschlossen. Mr. Willeys Sekretär George Pidgen (Lukas Hey) war in Ausübung seines Amtes zwar potenzieller Sündenbock, aber nicht immer im Leben geht die Rechnung auf, zumal wenn die Ehefrau von Mr. Willey, Pamela (Ramona Parino), nicht so naiv ist, wie er es gewohnt ist seine eigenen Wähler einzuschätzen. Dass am Ende das Objekt der Begierde Sekretärin Jane Worthington (Melanie Schmidt) wieder den zwischenzeitlich rasenden Ehemann Ronnie (Tim Weberling) bekam, mag die zwei versöhnt haben, aber ein Happy End war es dennoch nicht. Schließlich stand ja auch noch die generalsmäßig agierende Pflegeschwester Gladys Foster (Janine Seiler) ohne Begleitung fürs Leben da. Und ob Mr. und Mrs. Willey wieder so richtig glücklich wurden verriet das Stück nicht...
Es waren die schauspielerischen Charaktere, die sich viele Sympathien durch eine unglaubliche Anzahl von Pointen erspielten und die das Publikum erahnen ließen, welcher gute Geist hinter all dem Bemühen stand so ein außerordentlich gelungenes Projekt auf die Bühne zu bringen. Der Funke, der auf das Publikum übersprang, war Beleg dafür, dass jede künstlerische Auseinandersetzung zum Erfolg eine gehörige Portion Herzblut braucht. Davon hatte alle Akteure eine Menge investiert und das honorierte (applaudierte) das Publikum nicht nur im Sitzen. Dass die zweite Produktion der Eigenregiegruppe der Schule ein so großer Erfolg wurde ist nicht selbstverständlich, eher wohl, dass man sich eine dritte wünscht. Um ein volles Haus bräuchte man sich keine Gedanken zu machen. Tobias Rienth