Home » Aktuelles » Theater: Besuch der alten Dame (ABB 13.02.06)

Presseberichte: Theater

Das tödliche Spinnennetz der Alten Dame

Lender-Gymnasium mit ausverkauften Aufführungen von Dürrenmatts "tragischer Komödie" 


Auf der Erde herrscht die Hoffnung, im Himmel die Liebe, in der Hölle Gerechtigkeit. Um letztere geht es im "Besuch der Alten Dame", einer "tragischen Komödie" von Dürrenmatt. Die Theater-AG des Lender-Gymnasiums hat sie in zwei ausverkauften großartigen Vorstellungen am Wochenende aufgeführt.
 
Die "Gerechtigkeit", die sich Kläri Wäscher aus Güllen durch spät erworbene Kapitalkraft verschafft, trifft ihren vor Jahrzehnten meineidigen Verführer und Betrüger Alfred.
Dank einer Riesensumme stürzt sie ihn in eine Hölle aus Isolierung, Ächtung und totaler Verzweiflung, indem sie die Umgebung Alfreds, die Kleinstadt Güllen, zum bezahlten Mord an Alfred treibt. Sogar die angesehensten Bürger leisten Beihilfe - die Welt ist bei Dürrenmatt eine korrupte Hölle.
 
Ein so finsteres Stück (von über drei Stunden Dauer) mit Schülern aufzuführen ist problematisch. Das inzwischen erfahrene Regie-Team von Katja Lang-Cappel und Thomas Fischer vertraute dem Können von herausragenden Spielerinnen und Spielern, findigen und zuverlässigen "Technikern" und den ideenreichen Arbeiten der Bühnenbild-AG von Eberhard Schreiber.
 
In gestrafften Inszenierungen führt Dürrenmatts tragische Komponente dazu, die Entwicklung zum Verhängnis hin als Sogwirkung zu gestalten, die den Zuschauer nicht mehr loslässt. Von solcher Qualität war die Sasbacher Aufführung vor der Pause, dank des konzentrierten Spiels aller Beteiligten, während die Spannung durch retardierende Momente der zweiten Hälfte etwas nachließ. Nicht nur vordergrüngig effektvoll gelang indessen der gemeinschaftlich begangene Mord an Alfred (überzeugend gespielt von Johannes Helsberg), nach den von Pathos triefenden Reden des Bürgermeisters (Marc Schumacher) und der heuchlerischen Suada des Lehrers - eingesprungen wegen Krankheit war in dieser Rolle Regisseur Thomas Fischer.
 
Für raffinierte optische Wirkungen sorgten Projektionen auf die Bühnenwände, aber auch eine bitter-zynische Konfetti-Parade aus Geldscheinen - nach der gespenstisch arrangierten Überreichung des gierig erwarteten, allesentscheidenden Schecks. In der Lender-Aula sang Kläri dazu den Abba-Song "Money-Money". Überhaupt die Musik: Mit dem Anspruch, zahlreiche Szenen akustisch zu steigern, hatte Thomas Fischers Musik-Auswahl manch guten Griff getan -  am meisten vielleicht, als nach dem abrupten Abbrechen der Töne in das Schweigen hinein nur noch Alfreds Schluchzen ans Ohr dringt.
 
Die sehr guten Sprechleistungen der meisten Mitwirkenden können hier nicht mit Namen aufgeführt werden. Doch verdient die Darstellung der Titelheldin durch Tirza Härer höchstes Lob. Nicht nur mit der verzögerten Alters-Gestik, sondern einer spezifisch brüchigen Monotonie in ihrer Stimme, die auch an unerbittliche Härte und Vergeltung anklingen konnte, blieb sie von Anfang bis Ende präsent. Als tödliches Netz hielt sie scheinbar passiv wie eine lauernde Spinne die Fäden, gebot wegwerfend über Geld, Freund und Feind - wobei ihr das köstlich trottelige Gefolge aus acht Herren beste Dienste leistete. Das Messer-Wort Gerechtigkeit war in ihrem Mund mehr scharfe Klinge als Klang einer ehemals liebenden Frauenstimme...Letztere glaubte man bei ihren Erinnerungen an die enttäuschte Liebe nur nachzittern zu hören.
 
Ihr galt denn auch der lauteste Beifall, der natürlich noch den beiden Eunuchen für ihre fantastische Synchron-Leistung entgegenprasselte. An diesem großen Theaterabend in der "Lender" hatte man viel zu bewundern,  fantasievolle Kostüme, eine prachtvolle rote Sänfte und den ganzen Wandel vom Kleinstadt-Mief zur angeberisch-brutalen Richtstätte für "Gerechtigkeit".
az