Home » Aktuelles » Theater: Die Weihnachtsgeschichte (ABB 11.12.2006)

Dickens' Weihnachtsmärchen in der Lender

Das allmähliche Umgestimmt-Werden zur Menschlichkeit / Theater-AG des Lender-Gymnasiums spielte die Weihnachtsgeschichte von Dickens

 

Kann man zu Weihnachten 2006 wie vor 150 Jahren Hungerlöhne mit Profitgier und Sozial-Elend mit kaltherzigem Reichtum konfrontieren? Das Lender-Theater bewerkstelligte es in einer herzbewegenden Inszenierung von Dickens' "Weihnachtsgeschichte" am vergangenen Wochenende, nicht ohne im Programm an die bedenklichen Wirkungen von kapitalstarken Beteiligungsfonds ("Heuschrecken") zu erinnern. Doch versetzten die Regie- und Bühnenbild-Teams die Zuschauer erst einmal in eine Brutstätte des englischen Frühkapitalismus im 19.Jahrhundert. Katja Lang-Cappel und Thomas Fischer lenkten eine große Schar jugendlicher Spieler mit Umsicht und viel Einfühlung in ihre Fähigkeiten zum berühmten englischen Märchenspiel, das einen besonders brutalen Kapitalisten zu einem verstehenden Mitmenschen wandelt. Mit treffsicher gewählten, kostbaren Kostümen (Frau Kind und Lang-Cappel), mit einer höchst fantasievoll ausgestatteten Bühne (Eberhard Schreiber) sowie entsprechend "märchenhaft" agierenden Technikern und Musikern der Heimschule, bot man in der ausverkauften Aula multimedialen Schultheaterzauber im besten Sinne des Wortes. Die Premieren-Zuschauer folgten dem wechselvollen, zweieinhalbstündigen Drama um den verknöcherten Geizhals Scrooge (Jonas Fathy) denn auch mit gespannter Aufmerksamkeit und waren gefesselt vom gekonnten Zusammenspiel auf, vor und hinter der Bühne. Sie spendeten bereits nach dem ersten Teil anhaltenden Beifall, der am Schluss in Ovationen mündete. Einen Bewusstseins-Prozess dramatisch abzubilden - darin bestand die Hauptarbeit der Regisseure. Sie schufen zunächst eine Atmosphäre von Kälte und Härte drinnen wie draußen: Vergeblich versuchen die Abhängigen, der um den Arbeitsplatz Bangende, die Mieterin, der verarmte Verwandte, die Bittstellerin, den Unmenschen wenigstens an Weihnachten aus seinem Eispanzer herauszuholen. Dickens' Kunstgriff, über geisterhafte Begegnungen Scrooge zum Umdenken zu bewegen, hat die Theaterleute der "Lender" zu eindrucksvollen Leistungen motiviert. Eine spannende Charakterstudie im allmählichen Umgestimmt-Werden bot der Darsteller des verstockten Materialisten, als er über Traumbegegnungen erste Zweifel verspürt... Zwar ist der Dialog mit dem verstorbenen Geschäftspartner noch ein Duell zweier Hartgesottener. Doch wird aus dem unerbittlichen Scrooge, der im Nachtgewand plötzlich verwundbarer erscheint als im korrekten Anzug, ein menschenähnliches Wesen. Rühren kann ihn unvermutet das Bild der vergessenen Schwester, die ihn, als er noch Kind war, an einem Weihnachtstag aus seiner Einsamkeit nach Hause holte. Da ist eine Klangfarben-Veränderung mit dem schneidenden Ton des alten Scrooge vor sich gegangen, ein Tasten und Begreifen von Wärme, ein Bangen auch, ob Umkehr für ihn überhaupt noch möglich sei. Seine Erschütterung in den Tiefen der Seele, als die stumme riesige Geist-Erscheinung ihn mit seinem Tod konfrontiert, führt endlich zu den Wohltaten, die ihn aus seinem unsichtbaren Kerker befreien. Nun ist es an seiner Umgebung, am geschundenen Angestellten Cratchit vor allem, sich auf etwas Neues einzulassen und den so wundersam Gewandelten als Mitmenschen staunend anzunehmen. War auch ihr Bild von ihm ein wenig festgefahren? Das alles vermittelte das Spiel der Theater-AG so eingängig wie die auf raffinierte Weise fahrbare "Erinnerungs-Bühne". Die Musikelemente, von Schock-Effekten bis zu den sanften Tönen, waren allesamt klug ausgesucht. Besonderes Lob verdienten die vielen jugendlichen Sprechstimmen, ohne Mikro verständlich bis in die letzten Reihen: Die Abstufungen von kindlich-zarter Regung bis zu den Ausbrüchen aggressiver Stimmgewalt waren geprägt von der "Tradition" der Lenderschen Sprechkultur. az