Vornehm quasseln - ein Erfolgsrezept? - Ist vornehm quasseln können das Erfolgsrezept? - Veredelt oder entstellt zum neuen Wesen?
Eine Bildungs-Komödie mit ernstem Hintergrund führte mit großem Erfolg die minutenlang umjubelte Theater-AG der Heimschule Lender am Freitag und Samstag auf: "Lenders Next Pygmalion" nach G.B.Shaw, eine mit lenderspezifischen Zutaten garnierte Fassung in der Regie von Annette Preuss, Kathrin Marte und Daniel Kurz.
Den seit der Antike bekannten Stoff - eine Figur bis zu einer attraktiven Zielvorstellung zu formen - begreift Mr.Higgins so: Als dynamischer coach macht er aufstiegswillige Mädchen fit für den Eintritt in die Welt der Erfolgreichen. Seinen ganzen Profi-Ehrgeiz reizt indes Eliza, die "Gassenschlampe", die er auf ihrem Weg nach oben hart trainiert.
Nicht neu waren den Schülern gewiss Higgins' Lehrversuche um Grammatik, Wortschatz und Stil der Hochsprache. Mark Hernadi als Lehrer/Trainer hatte das Zeug, das große Ziel mit theatralisch effektvollen Methoden zu verfolgen. Mit schon recht männlicher Cleverness gab er sehr flexibel als Raubein, Fanatiker, Sänger, Pianist die auch bei Shaw ironisch beleuchtete Figur. Als sein Freund Oberst Pickering spielte Sebastian Bürkle den kantigen Adel der Gesinnung in Zylinder, Gehrock mit Einstecktuch, dem die überkorrekten Manieren schon aus den knabenhaften Knopflöchern hervorlugten. In seiner überanstrengten Moral merkt er zu spät, wie sehr auch er beim Wetten mit Higgins Eliza zum Experimentier-Objekt macht. Die zahlt es den Herren aber heim: Temperamentvoll und eigentlich unschlagbar wehrt sie sich gegen ihre Rollenfestlegung, "nur noch vornehm zu quasseln". Das Publikum lag der Interpretin, Sophie Stengel, zu Füßen, hingerissen von ihrer Sprechkunst, Singstimme und einem Gebärden-Zauber, mit dem sie mühelos "echte Ladies" in den Schatten stellt. Dabei war sie unglaublich wandlungsfähig: Flötete sie zart eine Wetterprognose, entfuhren ihr wenig danach die alten Derbheiten, zum Entzücken des vornehmen Freddy (Jonas Wiegert). Liegt darin nicht ihre Verführungsgabe, so dass sogar Higgins sie "herrlich ordinär" findet und womöglich ihre nicht gespielte Vitalität bewundert? Ein solches Menschenkind verdient er vielleicht gar nicht, der doch zwischen einer köstlich dominanten Mutter (Laura Wehle/Juliane Blum) und seiner Haushälterin weiterlebt.
Was aber wird aus Eliza? Die Seifenblasen - ein aussagekräftiges Bild ! - umtanzten sie. Soll sie zurück zu ihrem Müllkutscher-Papa (Till Kaufer/ D.Schmidt), der mittels neuer Beinbewegungen und treffender Kostümierung ins halbseidene Bürgertum aufgestiegen ist? Der Versuch, Eliza zu trimmen zu einem neuen Wesen, wird im Lender-Pygmalion ernsthaft und nachhaltig problematisiert. Darauf wies schon die erbarmungslose Model-Auslese zu Beginn. Was zwischen den Zeilen lauert, artikulierte ein Flüster-Chor eindringlich und stellte es mit Tanzdarbietung (Einstudierung Andrea Seiler) gekonnt auf die Bühne. Darüber hinaus diente die ganze Aula als Feld der Fantasie.
So wichtig wie die Kostüme (sensationell Raphaela Kind) waren die Aufbauten als Spielgerüst. Der seit über zehn Jahren bestens bewährte Eberhard Schreiber und die Seinen von der Bühnenbild-AG schufen tolle Konstruktionen, wovon das hochklappbare Klavier nur als Beispiel genannt sei. Daniel Bollinger tauchte alles Handeln ins rechte Licht und die nimmermüden Musiker von Kurs 12 unter der Leitung von Bärbel Anstett bereicherten die Aufführung mit den begeisternden Klängen und Rhythmen aus My Fair Lady.
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